(Kapitel 1)

Der Pimpf und seine Freunde

Natürlich erzähle ich dir die Geschichte des Pimpfes, seiner Freunde und des großen Waldes. Weitab hinter den sieben Bergen, der großen Windmühle und den 15 Wäldern, den sieben Seen, weit hinter dem Schrankenwärterhäuschen lebteder kleine Pimpf.

Schon seit Jahren bewohnte er die alte Eiche, die aufgrund ihres Umfanges, und der Pimpf hatte ihre Ringe gezählt, weit über 200 Jahre alt war. So eine alte Eiche erlebt im Laufe ihrer Zeit viele Abenteuer, sieht die Jahreszeiten wechseln und die Jahrzehnte verstreichen. Viele kleine Kinder, die einst mit ihren Vätern sich in ihrer Borke verewigten, kamen später als junge Männer mit ihrer Liebsten und wiederum später mit ihren Kindern zu dem alten Baum um das vom Großvater eingeritzte Datum aufzuspüren. Natürlich hatte niemand den Pimpf je gesehen, ist er doch scheu, klein und nach Aussage von Erich Eichhorn vielleicht ein bisschen zu eigen und ängstlich, um sich selbst kleinen Menschen zu offenbaren.

In dieser dicken Eiche lebte er inzwischen im 50en Jahr und niemand konnte ihm die verflossenen 50 Jahre ansehen. Doch schlussendlich, und das sei euch auch verraten, dass ein Pimpf, eben aufgrund seiner Lebensweise, langsam altert, sehr langsam, sodass manches Menschenkind sich diese Gabe gerne erkauft hätte.

Die alte Eiche maß inzwischen etwa 40m und im unteren Bereich, hinter dem zweiten Astloch und den frischen Trieben, war der Einlass.

Nach 250 Treppenstufen in die Höhe eröffnete sich ein kleiner Flur, von dem aus drei Zimmer abgingen. Das eine war die Küche, in der er momentan stand und die frisch gepflückten Himbeeren zu einer wohlschmeckenden Marmelade verarbeitete. Nebenan war das Schlafzimmer mit einer überdimensional großen Nussschale als Bett und daneben das gemütliche Wohnzimmer mit dem alten und knackenden Ohrensessel, der den Pimpf meist schon nach kurzer Zeit in den Schlaf schaukelte. Nicht zu vergessen die unzähligen Gläser, die man braucht, um Honigwein und ebensolchen Schnaps zu trinken. 
Ja der Pimpf hatte viele Freunde. Von Erich Eichhorn erzählte ich euch bereits. Dann war da noch Edgar Elster, Willi Wiesel, Marie Käferlein und Anneliese Amsel. Meist kamen seine Freunde nach getaner Arbeit – und Sonntagnachmittag bei Pflaumenkuchen, Schnaps und neuen Geschichten zusammen. Immer gab es viel zu erzählen, denn in dem großen Wald hinter den sieben Bergen war oft ganz viel los. 

Heute war ein besonderer Tag, denn mit der Flugpost von Anneliese Amsel war ein Brief vom Feuerdrachen eingetroffen. Nun glaubt ihr alle, dass ein Drache niemals durch die kleine Tür des kleinen Pimpfes passen würde, schon gar nicht die kleine Treppe erklimmen könnte, um dann mit seinen Freunden im Wohnzimmer den Kaffee zu genießen. Ich sage dies bewusst unverblümt und klar und ich hoffe der Feuerdrache entschuldigt dies, denn der Drache war doch gar kein Drache, sondern ein Feuersalamander, viel kleiner und zarter aber doch mit spitzer Zunge, an der sich gelegentlich seine Freunde verbrennen konnten. Natürlich meine ich kein richtiges verbrennen. Die Menschen sagen das manchmal so, weil manches Wort schmerzen kann und es sich dann so anfühlt als sei man innerlich verbrannt. Ihr merkt, der Feuersalamander war mit Vorsicht zu genießen. 

Wie dem auch sei, alle freuten sich und zu Ehren des Feuerdrachens sollte so mancher Kuchen gebacken werden, um mit ihm, dem Kaffee und den dann folgenden Geschichten ein Zeichen der Freundschaft abzugeben. 
Ist ja interessant das ihr jetzt doch noch diese Frage stellt wie so ein kleines Männchen wie der Pimpf überhaupt so eine dicke Borke durchbrechen kann. Natürlich hat jedes Kind schon einmal von einem Specht gehört. So ein ausgewachsener Specht kann mit seinem starken Schnabel auf der Suche nach dicken Würmern manchmal sich bis in das Innere eines alten trockenen Baumes eine Höhle zimmern. 

Ja, die alte Eiche hatte schon mehrere trockene Bereiche, die man gut bearbeiten könnte und so hat der Specht auf Futtersuche schon mehrere kleine Gänge in die Eiche geschlagen –, später für sich und seine Kinder dort Schutz gefunden und als diese flügge waren, hatte er in einem noch trockeneren Baum ein neues Nest gebaut. 

Natürlich ist ein Pimpf nicht nur am Schlafen, sondern bekommt auch gerne mit, wenn so manches Baumloch frei wird. Und weil er nun von Opa Pimpf, seinem Vater und den drei größeren Brüdern viel vom Tischlerhandwerk gelernt hatte, schaffte er es, natürlich nur mit dem richtigen Werkzeug, seine Wohnung zu erbauen und dann so herzurichten, dass sich manch Menschenkind ärgert so groß zu sein, weil kein Kind jemals durch die Tür eines Pimpfes gehen wird. Und weil das so ist, und Marie Käferlein gut zeichnen kann, sind die Bilder, die du siehst, entstanden. Und ehrlich gesagt, kann man da nicht neidisch werden?


Es ward vollbracht. Rings um die alte Eiche herum roch es ausgesprochen gut nach Kaffee und Kuchen, sodass einige Käfer, ganz vorne dabei der Borkenkäfer, fast schon durch die Eingangstüre geschlichen wären, wenn nicht Erich Eichhorn sie mit einem sicheren Wurf mit einer frisch gewachsenen Walnuss davon abgehalten hätte. Der Pimpf war sogleich zur Stelle. Er stützte den wankenden Borkenkäfer indem er seinen getroffenen Flügel sanft hielt und flüsterte ihm ins Ohr, dass die heutige Gesellschaft eine geschlossene sei.

Und weil der Borkenkäfer durch seine tagtägliche Fressarbeit in der Baumrinde noch nie in der Schule war, war er also ein wenig schwer von Begriff. So fragte er nach und ließ sich die geschlossene Gesellschaft erklären. Und als der Pimpf ihm dann abschließend deutlich machte, dass für ihn und seinesgleichen sicherlich noch einige Reste übrig bleiben würden, verzog er sich, um seiner Arbeit nachzugehen. Abschließend rief der Pimpf ihm hinterher, dass er bitte niemals vergessen möge, dass sein Wohnort, also die alte Eiche ja wohl für seine Fresserei Tabu sei und nach kurzer Zeit hörte er ein leises: „ja, ich weiß“, was dann schon bald in ein leises Schmatzen überging. 

Ja die Borkenkäfer waren schon so manchem Baum zum Verhängnis geworden. Denn so fresssüchtig wie sie waren, durchbrachen sie die so wichtige Wasserleitung des Baumes, sodass irgendwann die Blätter nicht mehr trinken konnten und gelb und braun wurden, abstarben und schon in mancher Ecke bereits im Sommer für herbstliche Stimmung mit Laub auf dem Waldboden sorgten. Zum Glück hatte der Pimpf in seiner Bibliothek so manch botanisches Buch, dass ihm zu verstehen gab, dass die Wasserzufuhr und der Baum an sich ein wichtiges Gut sei, immerhin gab er den wichtigen Sauerstoff, den Mensch und Tier zum Leben brauchte. Und weil der Pimpf Nägel mit Köpfen macht, gab es kurze Zeit später ein Abkommen mit den großen Familien der Borkenkäfer.

Kapitel 2 13.04.2020

Pimpf Teil 2

Sie ließen seinen Wald in Frieden und fraßen nur dort, wo der Baum schon längst verstorben war. Wie gut, dass es Freunde gibt. Doch jetzt zurück zu Faruk Feuerdrache. Er hatte sich angekündigt, hatte geschrieben und wenn er tatsächlich seine Uhr lesen könnte, was noch zu beweisen wäre, müsste er in der nächsten halben Stunde zu Kaffee und Kuchen anreisen.

Und tatsächlich! Fünf Minuten vor halb, und um halb wäre der Termin gewesen, erreichte Faruk Feuerdrache die alte Eiche. Doch er war nicht alleine. Im Schlepptau hatte er noch einen weiteren unangemeldeten Gast, oder besser er ritt auf diesem Gast.

Er ritt auf Krimhild Kröte, hatte er sich doch diesen Vorgang von den Krötenmännchen abgeschaut, die allzu oft, weil faul, auf diese stiegen, um von ihnen den längsten Weg hinein ins kühle Nass getragen zu werden. Krimhild war von besonderer Art, zwar hässlich, doch hatte sie stets ein gutes Gefühl für Recht und Unrecht. So hatte sie ihrem Krötenmann stets zu verstehen gegeben, dass auch sie einmal getragen werden wolle. Doch offenbar gab es weder in dem Wald von Pimpf, noch im Rest der Welt einen Krötenmann, der die dicke Krimhild hätte tragen können.

So schloss sie sich Faruk Feuerdrache an, um die Welt zu bereisen und somit am heutigen Tag den Pimpf und seine Freunde zu besuchen und den leckeren Kuchen zu genießen.

Natürlich weiß ich bereits, dass du die Frage nach dem: „wie ist sie denn nach oben gekommen, die dicke, fette Kröte?“ stellen möchtest und so komme ich dir zuvor.

Es dauerte eine gute halbe Stunde und es war ein Ziehen und Drücken um Krimhild Stufe um Stufe nach oben zu bekommen. Schlussendlich saß sie am gedeckten Tisch auf des Pimpfes Schaukelstuhl und es gab keinen Millimeter Platz zwischen beiden Lehnen, sodass Frau Kröte schwitzend und außerordentlich müde nun erst einmal ein Schläfchen brauchte. Während Krimhild schlummerte und gelegentlich undefinierbare Töne von sich gab, tauschte sich bereits die kleine Gesellschaft über das Leben im Wald aus.

Am besten informiert schien Edgar Elster. Durch seine Flüge von Baumwipfel zu Baumwipfel hatte er immer einen Gesamtüberblick über alle Baumbehausungen innerhalb des vom Pimpf bewohnten Waldes und wusste meist als erster Freund dem Pimpf zu berichten. So wusste er auch heute als Einziger von dem Treiben am Rande der großen Lichtung. Er hatte dort in sicherer Höhe erlauscht, was die vier Waldarbeiter sich zu berichten hatten. Der größte von ihnen und offenbar auch der älteste und reifste nach Aussage von Edgar war wohl irgendwie der Chef. Er war ja auch der Einzige, der an seiner Jacke einen undefinierbaren, für Edgar interessanten Klunker stecken hatte.

Erst nach gezielten Fragen des Pimpfes und der Beschreibung des Gegenstandes durch Edgar Elster erkannten alle Anwesenden, dass es sich offenbar um den Oberförster handelte, der gemeinsam mit seinen Waldarbeitern die Bäume inspizierte.

Doch das, was die Elster vernahm, machte nicht nur seine Stimme zittriger, sondern ließ alle bis auf die Kröte ganz tief schlucken. Der Förster hatte den Jüngsten der drei Waldarbeiter angewiesen an die erstbesten Bäume, die dick genug waren, ein rotes Kreuz zu malen. Dadurch wollte er anzeigen, welche Bäume zu fällen seien. Und da Edgar Elster von Natur aus ein schlauer Vogel war, zählte er eins und eins zusammen und kam zu dem Schluss, dass in seinem Wald Gefahr im Verzug war. Die Anwesenden schnatterten durcheinander. Der Pimpf lief sofort die Treppe hinunter, um seinen Baum zu inspizieren. Und als er nach etwa fünf Minuten wieder in die Stube kam, sagte er erleichtert, dass sein Baum zwar nicht betroffen sei, aber alle drei Eichen in Sichtweite hatten dieses wirklich blutig aussehende, rote Kreuz. Und nun nahm das Gegrummel, die Diskussion von Mal zu Mal an Lautstärke

zu, so laut, dass die Kröte, bis vor kurzem noch zufrieden und schlummernd, aufwachte und überhaupt nicht mehr wusste, wo sie war. Nun war guter Rat teuer.

Die Kröte wurde eingewiesen in das, was festgestellt worden war und in Folge der nächsten Stunde kamen 20 Vorschläge auf die Kreidetafel, die der Pimpf vor etwa 20 Jahren von einem kleinen Kind geschenkt bekommen hatte, das immer wieder zu dem Baum kam, um weinend mit diesem die schlimmen Geschichten von zu Hause zu teilen. Doch dazu später mehr. Jeder einzelne Vorschlag wurde diskutiert, beleuchtet, es wurde abgewägt, gestritten und zu guter Letzt einigte sich die Gesellschaft darauf, wie auch immer, die roten Kreuze zu beseitigen.

Natürlich hatte der junge Waldarbeiter nach Ansage des alten Försters eine alte, stinkige, langlebige, rote Paste an die drei Bäume gepinselt, sodass die Tiergesellschaft, inzwischen versammelt um den betroffenen Baum, große Not hatte, dieses Zeichen menschlicher Macht zu beseitigen. Alle versuchten sich, alle beschmutzten ihre Hände, Füße, Schnäbel, oder was sie auch hatten, um gegen das Klebrige anzugehen.

Doch ein Ergebnis gab es nicht. Erst, als nach Rufen des Pimpfes die Ameisen des Waldes zusammenkamen, bahnte sich eine Art von Reinigung an.

Das heißt, Reinigung ist wohl das falsche Wort. Sie bildeten eine Ameisenstraße und holten Erdreich, Laub , Humusboden, trockene Gräser und klatschten dies auf das rote Kreuz und weil die klebrige Farbe nur die Aufgabe hatte, zu kleben, hielt sie alles fest, sodass nach und nach eine zweite Rinde entstand.

Man hätte schon mit der Nase direkt vor dem ehemaligen roten Kreuz stehen müssen, um die falsche Baumrinde zu entdecken. Zunächst einmal war alles glimpflich abgegangen, man traf sich wieder beim Pimpf in seinem Studierzimmer, die Kröte zog es jedoch vor und wartete unten auf ihre Freunde. Die Ameisen, die der Pimpf allzu gerne mit in seine Stube genommen hätte, bedankten sich höflich, mussten jedoch absagen, denn auf Kaffee und Kuchen standen sie nun wirklich nicht.

Erst gegen Abend verließen die Gäste des Pimpfes die Pimpfbehausung, denn sie waren müde, doch wie sich später herausstellte, konnte niemand, auch wirklich niemand nach diesem Erlebnis glücklich schlafen.

Kapitel 3 (29.04.2020)

Der Pimpf – Kapitel 3

Am nächsten Morgen wachte der Pimpf mit dem Gedanken an das kleine Mädchen

von vor 20 Jahren auf. Ihr erinnert euch, sie hatte damals dem Pimpf die Schultafel, auf die man mit Kreide malen konnte, geschenkt. Undine hatte rote Haare, lange Zöpfe und, weil die Eltern nicht viel Geld hatten, immer alte, gebrauchte Klamotten an. Was wohl der Grund gewesen sein mag, weswegen die anderen Schüler und Schülerinnen sie ärgerten, sich die Nase zu hielten, um deutlich zu machen, dass die alten Klamotten stinken würden. Es war aber auch wirklich gemein, so etwas konnte eine Zweitklässlerin wirklich nicht gut aushalten. Und weil Mama mit den kleinen Geschwistern beschäftigt war und Papa wie jeden Tag spät nach Hause kam, um Überstunden zu leisten, gab es niemanden der ihr zuhören konnte.

Und so stand sie damals an dem alten Baum, in dem der Pimpf schon seit 30 Jahren wohnte. Nun ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Pimpf sich aufgrund seiner Schüchternheit zunächst nicht zu erkennen gab und nur zuhörte. Ja er hörte zu, und ja Undine sprach mit dem Baum, als sei der Baum ihr bester Freund. Der Pimpf erinnerte sich an einen Donnerstag, denn es war stets der Donnerstag und um die Mittagsstund‘ in der Undine ihren Platz im Wald aufsuchte. Meistens kam sie mit Tränen, dieses Mal mit fürchterlich durchwuschelten Haaren. Sie war schon von weitem zu hören und der Pimpf konnte gar nicht erwarten zu hören was denn heute schon wieder vorgefallen war. Die Kinder hatten sich mal wieder über ihre hellleuchtend, roten Haare lustig gemacht. „Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen“, erzählte sie dem Baum und natürlich konnte sie nicht ahnen, dass der Pimpf voller Anspannung zuhörte. Am liebsten hätte er sich als Freund zu erkennen gegeben, denn, das war ihm klar, Undine brauchte jetzt einen Freund um stark zu sein. Ich kürze hier die Geschichte einmal etwas ab, denn der Pimpf war so erschüttert von dem was er hörte, sodass er dann, so unachtsam wie er dann meistens war, die Treppe hinunterpurzelte und erst vor Undines Füßen zur Besinnung kam. Ein Verstecken war nun nicht mehr möglich, was hätte er denn jetzt noch machen können. Außerdem hatte Undine ihre zarte Hand bereits ausgestreckt, um dem Pimpf aufzuhelfen, ganz zaghaft. Von diesem Tag an war alles nicht mehr ganz so schlimm und irgendwann lachte Undine so laut vor lauter Freude, den Pimpf in ihr kleines Händchen zu nehmen, auf ihre Schulter zu setzen, um mit ihm dann durch den Wald zu wandeln. Das Lachen wollte lange nicht aufhören, denn inzwischen erzählte der Pimpf von seinen Freunden und dies war immer so lustig, sodass Undine, als sie aus dem Wald trat, schon lange nicht mehr wusste, weswegen sie in der Schule Kummer hatte. Wach werden war heute aber auch wirklich nicht leicht. Immer wieder nickerte der Pimpf ein und war schon wieder in kurzer Zeit bei den alten Bildern von Undine, ihren gemeinsamen Erlebnissen und die wunderbaren Erfahrungen, die der Pimpf durch dieses wunderbare Mädchen machen konnte. Beim dritten Mal gähnen läutete seine Glocke. Und wie das eben so ist, wenn man aus seinen Gedanken gerissen wird, polterte der Pimpf aus seiner Bettnussschale, überschlug sich mehrmals und rutschte zu guter Letzt die letzten zehn Treppenstufen hinunter bis kurz vor seiner Haustür. Die Person, die offenbar vor der Tür stand und Einlass begehrte, hatte eine quakende Stimme und wäre er nicht so schlaftrunken gewesen, hätte ihm gleich einfallen können, dass die dicke Warzenkröte vor seiner Tür stand. Der Empfang war sehr herzlich, obwohl der Pimpf seit der letzten Begegnung gelernt hatte, die dicke Warzenkröte mit Vorsicht zu genießen.

Ich hatte ja bereits erzählt, dass das ein oder andere Froschmännchen unter dem Gewicht der dicken Kröte, die auf dem Weg der Emanzipation nun nicht mehr tragen sondern getragen werden wollte, den ein oder anderen Frosch zu Tode gedrückt hatte. Also ein wenig Abstand ,trotzdem wie man den Pimpf halt kennt zuvorkommend, liebenswürdig und einladend. Wäre die dicke Kröte nicht die dicke Kröte gewesen, würden beide jetzt schon oben einsitzen an seinem großen Esstisch und Kaffee trinken und Kekse essen. Es schien ihm als sei sie noch dicker als zuvor. Und als er mehrmals seinen Blick vom Eingang zur Dicke der Kröte hin und zurück immer wieder wandern lies, schoss es ganz spontan aus Krimhild hervor: „Nein, nein. Nicht noch einmal die steile Treppe.“ Stattdessen wollte sie nur mit ihm sprechen, etwas scheinbar Wichtiges loswerden. Da der Pimpf gut erzogen und vom alten Schlag war, holte er einen kleinen Tisch aus seiner Kammer und stellte die unten befindlichen Gartenstühle an diesen. Lief in Windeseile mehrmals hoch und runter und hatte in wenigen Minuten wie durch einen Zauber den alten Tisch in ein morgendliches Frühstücksbuffet verwandelt. Und weil Kröten – insbesondere diese Kröte – offenbar immer essen können, war es Krimhild recht und sie setzte sich zwar mit Mühe, doch wenigstens mit dem letzten Drittel ihres Pos auf den viel zu kleinen Stuhl. Nach dem vierten Keks mit leckerem Waldmeistertee begann sie zu erzählen. Sie hatte auf einer ihrer vielen Ausflüge längs des kleinen Waldbaches den Waldarbeitern gelauscht und wusste zu erzählen, dass die Bäume mit dem Kreuz keineswegs gefällt sondern die Position anzeigen sollten für die mittelgroße Holzhütte, die alsbald zu bauen sei. Trotz mehrmaligen Nachfragens fiel Krimhild nicht mehr ein für wen die Hütte sein sollte und so entschied der Pimpf in eben dieser doch wichtigen Situation seine Freunde zusammen zu holen. Edgar Elster traf als erstes ein, wenig später Erich Eichhorn. Und als der Feuersalamander da war, begann er zu erzählen. Doch in Wirklichkeit konnte er nur vermuten und seine Freunde um Hilfe bitten. Denn es war davon auszugehen, dass Edgar Elster als der von Geburt an neugierigste Vogel des Waldes sicherlich diese wichtigen Informationen beschaffen könne. Da Krimhild seine ganzen Keksreste verspeist hatte, blieben nur noch Krümel über. Doch die pickte Edgar mit einer unglaublichen Schnelligkeit auf um vor dem neuen Abenteuer Kraft zu tanken. Und so kam es, dass Edgar schon nach dem dritten Rundflug um das kleine Wäldchen herausgefunden hatte, wer demnächst in den Wald einziehen werde. Zuerst waren die Freunde sehr unsicher, konnten sie doch nicht einordnen was sich hinter diesem Begriff Waldkindergarten verbergen würde. Doch dann, nachdem sie das raue aufgeregte Gekrächze von Ragnar Rabe verstanden hatten, wurde das Geheimnis gelüftet. So berichtete Ragnar von einem Gespräch mit dem Oberförster und einer wunderschönen rothaarigen Frau mit Namen Undine. Und eben diese Undine, so Ragnar, sollte hier im Wald einen Kindergarten aufbauen. Und zwar nicht etwa für Waldkinder, also für kleine Eichhörnchen, Elstern, Amseln, Hasen, sondern für Kinder. Die Freunde schüttelten mit dem Kopf. Einige von ihnen bekamen es mit der Angst zu tun. Erich sogar verkroch sich instinktiv unter seinem buschigen Schwanz. Doch als der kleine Pimpf den Name Undine hörte und Ragnar Rabe ihm zu verstehen gab, dass diese Undine feuerrote Haare hatte, wurde ihm klar, dass es möglicherweise die kleine Undine war, die er seinerzeit vor seiner Tür kennengelernt hatte. Nach einer ersten Beruhigung seiner Freunde galt es jetzt Ruhe zu bewahren. Auch wenn jedes Tier des Waldes schon einmal schlechte Erfahrungen mit Menschen gesammelt hatte, so war ja nicht zwangsläufig davon auszugehen, dass Menschenkinder gleichsam ihrer Eltern schlecht sein würden. Der Pimpf machte sich kurze Zeit später auf den Weg, selber Erkundigungen einzuholen. Vielleicht gab es ja die Möglichkeit Undine einmal zu treffen? Und dieses Treffen sollte schon ganz bald passieren.

Der Pimpf und seine Freunde – Kapitel Vier (19.05.2020)

Wie jeden Morgen war der Pimpf im Wald unterwegs, um gerade in der Herbstzeit leckere Pilze für die Suppe zu suchen. Sein Korb war selbst geflochten und er trug ihn mit einem Lied auf den Lippen mit der schmeckenden Pilzsuppe im Kopf in Richtung der alten Jahrhunderteiche, von der man sagte, dass sie ein Geheimnis unter ihren Wurzeln tröge. Schon manches Mal hatte er nach diesem Geheimnis geforscht. Doch bis auf den Pilzreichtum schienen jene Gedanken in Richtung Geheimnis Ursprung von Märchen und Sagen zu sein. Tatsächlich waren schon wieder einige Champignons, Steinpilze und Braunkappen gewachsen. Aber auch der rote mit weißen Punkten übersäte Fliegenpilz hatte einen neuen Kopf herausgebildet. Ihr lieben Kinder nehmt euch in Acht, dachte noch der Pimpf, als er auf dem Weg zum größten Steinpilz in der Nähe des Baches an der alten Eiche ins Rutschen geriet und sich dabei auf den Hosenboden setzte. Jawohl er war ausgerutscht in einer mittelgroßen Pfütze. Und als er in ihr so saß und merkte wie die Feuchtigkeit von ihm Raum und Platz ergriff, traute er seinen Augen nicht. Am Rande des Waldbaches standen kleine Wesen, viel, viel kleiner als der Pimpf, rieben sich die Hände, klatschten in diese, freuten sich und verschwanden in wenigen Sekunden wieder in den nassen Fluten. War das das Geheimnis der alten Eiche? Oder hatte der Pimpf etwas Falsches zu Morgen gegessen, war es möglicherweise der warme Holundersaft, der schon zu viel Alkohol produziert hatte und nun ihn glauben ließ, etwas zu sehen, was gar nicht sei. Hätte der Pimpf nicht gerade zu frieren angefangen und hätte das Wasser der nassen Hose nicht schon den Rücken erreicht, so würde er wohl immer noch dort sitzen, um sich zu fragen, wie er dieses Erlebnis einschätzen sollte. Kleine, zierliche aber ungeheuer freche Wesen am Bach hatte er noch nie kennen gelernt. Und auch das Suchen nach diesen Wesen in seiner Bibliothek – inzwischen mit trockener Hose – brachte keine Ergebnisse. Erst zwei Stunden später sollte er Klarheit gewinnen. Der Korb war ja immer noch leer geblieben, also ging es wieder in Richtung Eiche. Doch dieses Mal machte der kleine Pimpf einen kleinen Umweg, schlich wie eine Raupe auf dem Boden an den Rand des Baches und lag dort, um zu beobachten. Er hatte sich nicht getäuscht. Er war weder verrückt noch besoffen. Im Bach spielten kleine Wesen: dicke, dünne, alte, junge mit kleinen Badehosen und tatsächlich – das Wasser und die Kälte ließen sie nicht frieren. Er robbte weiter an den Rand des Baches, nahm seinen Korb aus geflochtenen Weidentrieben, er war ja noch leer, holte aus und warf ihn über die dickste Gestalt, die er erkennen konnte. Dann zog er in Windeseile den Korb mitsamt Inhalt aus dem Wasser. Und als das Wasser abgelaufen war, erkannte er ein kleines dickes Wesen mit einem dicken, runden Bauch, dass wohl aufgrund seiner prekären Lage erkannte, dass es diesem für ihn auch unbekannten Wesen – dem Pimpf – ausgeliefert war. Es schlotterte vor Angst und der dicke Bauch wabbelte von rechts nach links. Jetzt kamen auch einige Tränen zum Vorschein. Erst des Pimpfes ruhige Stimme konnte ihn beruhigen. Was dann geschah wollte der Pimpf bei seiner nächsten Waldversammlung mitteilen. Doch was war denn geschehen? Der Pimpf hatte im Korb Opa Matschi eingefangen. Und Matschis hießen die bis dahin unbekannten, kleinen Wesen, die manches Mal in so manchem Waldbach ihr Unwesen treiben. Die größte Freude wurde den Matschis zu teil und an dieser Stelle schien es auch egal, ob klein oder groß, wenn sie es schafften, irgendeinen Bewohner, ob Mensch oder Tier, durch die von ihnen glitschig gemachten Ränder des Baches zu Fall zu bringen. Opa Matschi hatte unzählige Kinder, die wiederum unzählige Partner mit wiederum unzähligen Kindern hatten. Jetzt wo der Pimpf doch wusste, worauf er achten musste, sah er nur noch die kleinen Winzlinge – und was für eine

Freude sie im Spiel hatten. Das lange Gespräch mit Opa Matschi wurde erst dann beendet, als Oma Matschi mit einem Donnerwetter ihm die Mittagszeit ankündigte. Jetzt wurde dem Pimpf klar, dass er doch ein anderes Ziel hatte: das Mittagessen. Also Adieu Opa Matschi! Und mit einem Bogen um den Fliegenpilz herum, pflückte er den erstbesten Steinpilz, der ihm dann wiederum die Spucke im Mund zusammen laufen ließ. Die Spucke in seinem Mund hörte gar nicht mehr auf zu laufen, so dass der Pimpf gar nicht anders konnte, als sich auf dem nach Hause Weg alle Steinpilze mitzunehmen, um daraus auch eine Steinpilzsuppe zu kochen. Da der Pimpf in der Regel immer für mehrere Freunde mit kocht, hatte er auch dieses Mal Glück und die schmackhafte Suppe reichte für Erich Eichhorn, Edgar Elster und Anneliese Amsel. Edgar war mehr als glücklich, dass er mitessen durfte, denn den Vormittag über hatte er keine Zeit, sich um etwas Essbares zu kümmern. Durch seine Neugier getrieben, hatte er aus reichlicher Entfernung beobachtet, wie der Förster und eine junge Frau mit dem Namen Undine sowie vier Waldarbeiter an der kleinen Lichtung unweit der Behausung des Pimpfes aufgeregt hoch und runter liefen, Zollstöcke und Meterbänder auspackten, lange Stöcke auslegten, um offenbar etwas bestimmtes zu kennzeichnen. Von oben erkannte Edgar, dass nach und nach ein großes Rechteck entstand und alle Anwesenden immer wieder überzeugt mit ihren Köpfen nickten. Als der Förster einen Waldarbeiter anweisen wollte, die junge Buche, die links vor dem Rechteck stand, mit seiner Motorsäge zu fällen, konnte er ausmachen, dass die junge Frau zu schimpfen anfing. So lange und so laut, bis das der Waldarbeiter die Säge wieder einpackte, der Förster der jungen Frau die Hand gab und somit offenbar das Leben der Buche verlängerte. Auf einmal verschluckte sich Anneliese Amsel an ihrer Suppe. Sie war zu aufgeregt und wollte unbedingt, das, was sie erfahren hatte, kundtun. Aus nächster Nähe hatte Anneliese erfahren, dass Undine dem Förster erklärte, dass sie mit diesem Wald arg verbunden sei. Sie hätte als kleines Kind vor vielen Jahren einen kleinen Freund gehabt. Einen kleinen flinken Freund in einem Baum. Doch diesen könne sie gar nicht finden, denn dieser solle doch als erster wissen, dass Undine bald in diesen Wald zurückkomme, um einen Waldkindergarten zu leiten. Der Förster erwiderte nichts und ging zu seinen Waldarbeitern zurück. Wahrscheinlich dachte er, wie viele Erwachsene, dass man sich mit seiner kindlichen Fantasie vieles einbilden könne. Nach diesen Erläuterungen von Edgar und Anneliese war klar, dass Undine nicht mehr alleine Teil der vielen Geschichten des Pimpfes war, sondern tatsächlich zurück war. Jetzt überschlug sich der Pimpf wieder mit all seinen Ideen und Vorhaben um mit Undine in den Kontakt zu kommen. Nur die vielen Waldarbeiter mit ihren gefährlichen Sägen und der bärtige Förster hielten den Pimpf und seine Freunde ab, sofort zu starten. So ein Kontakt sollte gut überlegt sein.